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Photo by Xendzi, freely licensed under CC BY-SA 4.0.

Letztes Jahr hatte ich die Möglichkeit, ein Gemeinschaftsprojekt umzusetzen, das ich mir schon lange vorher ausgemalt hatte: Ich stellte mir ein kleines Graswurzelprojekt vor, das Grenzen von Sprache und Ländern überwinden und Menschen zusammenbringen würde – das durch Diskussion, Recherche und im Endeffekt durch das Sammeln von Wissen Bewusstsein für gesellschaftspolitische Themen schaffen würde.

Aus dieser Idee heraus ist das Projekt “Wikipedia for Peace” entstanden, das im August 2015 in Wien (Österreich) stattfand.

Das Projekt wurde zu einer Zusammenarbeit zwischen Wikimedia Österreich und dem österreichischen Zweig der Friedensorganisation Service Civil International (SCI). Der CI organisiert Freiwilligencamps (“Workcamps”), bei denen Menschen aus verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen zusammenkommen, um gemeinsam für kurze Zeit nachhaltiges Leben auszuprobieren und dabei für einen gemeinnützigen Zweck zu arbeiten. Wir haben zwölf Freiwillige aus verschiedenen europäischen Ländern zusammengetrommelt und ein zweiwöchiges Workcamp auf die Beine gestellt. Dabei entdeckten wir, wie man in neun verschiedenen Sprachen auf unterschiedlichen Ebenen etwas zur Wikipedia und ihren Schwesterprojekten beitragen kann. Wir haben gemeinsam gelebt, gekocht, gelernt und gearbeitet.

Das Ergebnis von “Wikipedia for Peace” war beeindruckender, als ich mir das ausgemalt hatte: Obwohl fast alle von uns Neulinge bei Wikipedia waren, hatten kurz nach dem Start des Camps bereits alle Themen gefunden, die wir näher kennenlernen und zu denen wir schreiben wollten. Unsere Gruppe hatte dabei einen höheren Frauenanteil und einen niedrigeren Altersdurchschnitt als der Wikipedia-Durchschnitt. Das hat auch die Interessen und Perspektiven geformt, die wir Artikeln hinzufügen und über die wir schreiben wollten. Wir haben unter anderem zu AsylwerberInnen in Österreich, Maskulinität, Feminismus in Bulgarien, irische Rettungsaktionen im Mittelmeer, gewaltlosen Widerstand und Friedensmuseen geschrieben. Dank unseres Fokus auf Friedensthemen und auf Open Content, hat die Österreichische UNESCO-Kommission dem Projekt eine Schirmherrschaft verliehen.

Einer meiner Lieblingsmomente während des Projekts war, als wir – Menschen aus der ganzen Welt – alteingesessenen WienerInnen erklärten, dass der Baum in ihrem Garten oder Hinterhof als Naturdenkmal eingetragen ist und wir gerne ein Foto von dem Baum machen würden.

Ich hab viel von “Wikipedia for Peace” gelernt. Ich habe gelernt, die Art von Freiwilligenarbeit, die ich von Wikimedia-Projekten kannte, mit der Art von Freiwilligenarbeit, die ich von SCI-Workcamps kannte, zu kombinieren. Auch für andere war das Projekt eine Möglichkeit, Neues kennenzulernen: Für die Wikipedia-Community in Wien war es ungewöhnlich, eine internationale und junge Gruppe in absichtlich bescheidenen Verhältnissen eines Workcamps zu sehen. Für andere im Service Civil International war es ungewöhnlich, Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen, um sie dann gemeinsam vor ihren Computerbildschirmen sitzen zu lassen, wo Workcamps normalerweise doch nicht einmal eine Internetverbindung haben. Es war aufregend, diese Kombination auszuprobieren – und dann auch noch erfolgreich.

Ich würde die Stimmung unseres letzten Augusts so gerne durch Menschen, die sich dafür interessieren, etwas zu einer Kultur des Friedens und des Open Content beizutragen, weiterleben sehen. Vielleicht am Land, um eine entspanntere Atmosphäre als in einer Großstadt zu haben? Vielleicht mit einem spezifischeren Hauptthema, wie z.B. Migration, Waffenhandel oder Geschlechtergerechtigkeit? Vielleicht mit mehr Fokus auf Fotografie und mehr gemeinsamen Schreiben? Das Potential ist auf alle Fälle riesig und wartet darauf, ausgekundschaftet zu werden – manche dieser Ideen werden auf alle Fälle in die nächste Ausgabe unseres Fridenscamps einfließen, das diesen Sommer wieder in Österreich stattfinden wird. Kontaktiere uns, wenn du selbst mitplanen oder mitmachen willst!

Thomas Schallhart
Friedensaktivist, Wikimedia-Freiwilliger in Österreich/Schweden